Kaptan June
Eine englische Naturschützerin in der Türkei
June Haimoff lebt seit Mitte der 1980er Jahre im türkischen Dalyan. Dort engagiert sie sich mit großer Leidenschaft für den Schutz der vom Aussterben bedrohten Meeresschildkröte ‚Caretta Caretta‘. Der Iztuzu Strand ist einer ihrer wichtigsten Niststrände. Als dort eine große Hotelanlage gebaut werden sollte, initiierte June eine internationale Protestkampagne. Mit Erfolg: das Bauprojekt wurde gestoppt und der Strand gehört heute zu einem Schutzgebiet.
Die Menschen in Dalyan nennen sie ‚Kaptan June‘. Bevor sie sich in der Türkei niederließ, war sie mehrere Jahre auf ihrem Boot unterwegs, eine Frau als Kapitän, das war ungewöhnlich. Auf einer dieser Reisen entdeckte sie den Iztuzu Strand und verliebte sich auf Anhieb in ihn. 1984 verkaufte sie ihr Boot und verbrachte drei Sommer in einer einfachen Holzhütte direkt am Strand. „Das war die schönste Zeit meines Lebens“ erzählt sie im Film. Damals war sie die einzige Ausländerin am Strand, die anderen Hütten gehörten Einheimischen, die der Hitze und den Moskitos entfliehen wollten.
In einer dieser Nächte am Strand sah sie zum ersten Mal eine Schildkröte und sie beobachtete, wie die ‚Caretta Caretta‘ mehr als 100 Eier im warmen Sand vergrub. Wie ein Ingenieur habe das Tier das Nest dafür gebaut! Von diesem Moment an sei sie ein anderer Mensch gewesen, erzählt June im Film, mit Tränen in den Augen. Ein Wendepunkt in ihrem Leben. Als sie wenig später erfuhr, dass der Strand bebaut werden sollte, wurde sie aktiv. Mit Unterstützung der Medien verhinderten Kaptan June, Naturschützer:innen aus aller Welt und engagierte Menschen aus Dalyan Ende der 80er Jahre, dass das bereits begonnene Bauprojekt realisiert wurde. Heute ist der Strand nachts gesperrt, damit die Schildkröten ungestört ihre Eier ablegen können. Und es gibt nur ein kleines Café an jeder Seite des mehr als vier Kilometer langen Strandes.
Gestoppt wurde nicht nur der Hotelbau. Als der Tourismus begann, mussten auch die Hütten der Einheimischen am Strand abgerissen werden. June zog in das 10 km entfernte Dalyan und kaufte dort ein kleines Haus. Ihre Strandhütte nahm sie mit und stellte sie in ihrem Garten auf. Aber vor wenigen Jahren kehrte die Hütte an den Strand zurück und wurde eine Art Museum, in dem die Geschichte von Kaptan June erzählt und über die aktuellen Probleme informiert wird. Zum Zeitpunkt unserer Dreharbeiten konnten Besucher die Naturschützerin dort regelmäßig persönlich antreffen.
Und June gründete 2011 eine Stiftung, die sich dafür einsetzt, den natürlichen Lebensraum der Meeresschildkröten zu erhalten und sie vor den Auswirkungen des Tourismus zu schützen. Denn jedes Jahr kommen mehr Touristen an den Strand, meist nur für einen Tag, um ein Stück vermeintlich unberührter Natur zu sehen. Die Zahl der Boote, die Ausflüge an den ‚Schildkrötenstrand’ anbieten, ist ständig gewachsen. Kaptan June’s Stiftung bietet nun allen Kapitänen an, die Propeller ihrer Boote mit einer Art Schutzkäfig zu versehen, damit die Schildkröten nicht verletzt werden.
Als Barbara Trottnow 1991 zum ersten Mal nach Dalyan kam, war June Haimoff die erste Person, der sie am Iztuzu Strand begegnete. Und am Strand waren damals noch die Überreste einer Baugrube zu sehen. Ein Hotel mit 600 Betten war geplant, ein türkisch-deutsches Bauprojekt, gefördert mit Geldern aus der deutschen Entwicklungshilfe. Das Hotel wurde nicht gebaut, aber so unberührt wie vorher wurde der Strand nie wieder. Die Baugrube wurde zugeschüttet und dient heute als Parkplatz.
June Haimoff reichen die Schutzmaßnahmen nicht aus. Für sie stehen am Strand inzwischen viel zu viele Liegen und Sonnenschirme und schränken den Bereich ein, in dem die Schildkröten ihre Eier ablegen können. Besonders empört ist June über die Bootstouren, auf denen Schildkröten gefüttert werden, um sie den Touristen aus der Nähe zu zeigen. Im Film erklärt sie eindrucksvoll, warum der Strand und die ganze Gegend ein Reiseziel für Ökotourismus sein sollte und nicht ein Ort, an dem es nur darum geht, schnell viel Geld zu verdienen.
